Schlagwort: Arbeitsstrategie

Arbeitszeitflexibilisierung

Wer mehr arbeitet, muss mehr ruhen.

Geht es wirklich darum?

Arbeitszeitflexibilisierung ist eines der Top-Themen der aktuellen wirtschaftspolitischen Diskussion. Geht es wirklich um Flexibilisierung? Auch eine zugunsten der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter? Oder geht es nur um Verlängerung der täglichen Arbeitszeit? Die menschliche Verausgabung steigt mit der Arbeitsdauer – und zwar exponentiell.

Eine Verlängerung der täglichen Arbeitszeit gefährdet durch Stresserhöhung die Gesundheit der Belegschaft und das Arbeitsklima. IBG ist für eine echte Flexibilisierung zugunsten der Bedürfnisse der Kunden bzw. Kundinnen UND die der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die politischen Entscheidungsträger sind gefordert, die Tragweite einer möglichen Lösung in ihrer Gesamtheit zu beurteilen. Es ist arbeitsmedizinisch erwiesen, dass chronischer Stress die Leistungsfähigkeit und Produktivität senkt und Überforderung am Arbeitsplatz krank macht.

Für die meisten Arbeitswelten sind daher 12-Stunden-Arbeitstage ohne ausreichende Regenerationsphasen zumindest mittelfristig kontraproduktiv, weil damit vorzeitige Arbeitsunfähigkeit, zunehmende Krankenstände, höhere Fluktuation, steigende Gesundheitskosten und Frühpensionierungen vorprogrammiert sind. Derartige Ausgleichsmaßnahmen fehlen in der Diskussion derzeit völlig. Es geht nicht nur um die Balance von Geldwerten.

Exponentiell steigende Stressbelastung

Eine Ausweitung des Arbeitstags verlangt deutlich mehr Erholungszeit als Teil der sozial wirksamen Arbeitszeit und muss durch gleichwertigen Zeitausgleich kompensiert werden. Stress steigt exponentiell von Stunde zu Stunde und ist bei Normalarbeitszeit in der 7. und 8. Stunde am höchsten. Die Belastungen nehmen pro weitere Arbeitsstunde drastisch zu. Es gibt eine Kumulation von Stress im Laufe eines Arbeitstages, deren Bewältigung nach entsprechenden Pausen verlangt. Die findet in der Regel nicht oder in unzureichendem Maße statt.

Problempunkt Nachtschicht

Für junge Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer beträgt die Verausgabung bei Nachtschichten 156% der Tagesschicht, d.h. eine 8-Stunden- Nachtschicht ist so verausgabend wie 13 Stunden Tagarbeit. Eine 12-Stunden-Schicht wäre für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer um die 30 so kräfteraubend wie 19 Stunden Tagarbeit. Etwa ab dem 45. Lebensjahr sinkt die Nachtarbeitstoleranz bei der überwiegenden Mehrheit dramatisch. So weist eine aktuelle US-Studie auf eine reduzierte Lebenserwartung bei nachtarbeitenden Krankenschwestern hin. Auch nicht zu unterschätzen: die Aufrechterhaltung des Schlafrhythmus. Bei einem 12-stündigen Arbeitstag und einem durchschnittlichen Schlafbedürfnis von acht Stunden wird die Gestaltung des Tagesablaufs mit normalen sozialen Interaktionen kompliziert. Viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer reagieren darauf mit Verkürzung der Erholungs- bzw. Schlafphasen. Eine Ausweitung der Arbeitszeit ist daher nach Möglichkeit zu verhindern, weil durch Rationalisierung und Optimierung die Arbeitsintensität bereits beim bisherigen Arbeitstag meist an der Grenze ist. Die hohe Rate an Burnout belegt dies.

Fehlende MAK-Werte

Der MAK-Wert (Maximale Arbeitsplatz-Konzentration) gibt die höchstzulässige Konzentration eines Arbeitsstoffes in der Luft am Arbeitsplatz an. Er bezieht sich auf eine tägliche Einwirkzeit von 8 Stunden.

Bei Einhaltung der MAK-Werte wird im Allgemeinen auch bei wiederholter und langfristiger Exposition die Gesundheit von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern nicht beeinträchtigt. Für eine Regelarbeitszeit von 10 Stunden oder mehr gibt es jedoch aktuell keinerlei Messungen, wie sich diese Stoffe bei entsprechend längerer Expositionszeit auswirken.

Die Kosten fressen die Vorteile

Es ist zu erwarten, dass der wirtschaftliche Vorteil der ausgedehnten Arbeitszeiten durch die verringerte Produktivität in der 10. bis 12. Arbeitsstunde zunichte gemacht werden wird – von den volkswirtschaftlichen Kosten ganz abgesehen. »In der Diskussion um eine echte Flexibilisierung fehlt die Wahlmöglichkeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: kürzere und längere Tages- und Wochenarbeitszeit, Wahl der Beginnzeiten nach eigenen Bedürfnissen oder Urlaub nach Lebenssituation und familiären Erfordernissen.« ist IBG-Arbeitsmediziner und Arbeitszeiten-Experte Helmut Stadlbauer überzeugt. Echte Optionen für die Belegschaft sind DER Hebel, um Stress, Krankheit und Frühpension zu vermeiden und Produktivität und Qualität zu verbessern.

So bleiben Mitarbeitende wertvoll

  • Altersteilzeit sollte nur gleitend in Anspruch genommen werden dürfen, und nicht mehr als Block.
  • Statt Senioritätsprinzip oder Zulagen wäre eine Arbeitszeit-Reduktion gesundheitsverträglicher.
  • Statt Steuerbegünstigung für Überstunden sollte die Beschäftigung von zusätzlichem Personal gefördert werden.

Es braucht zudem ein Monitoring des Arbeitsvermögens und der gesundheitlichen Qualität der Arbeitsprozesse, damit   chronische Fehlanforderung und Stress, Krankheit, Frühpensionen und Produktivitätsverluste vermieden werden. Arbeitszeit-Veränderungen brauchen Mitsprache, Bewusstseinsbildung und Zustimmung sowie engmaschige Evaluierung, um für Mitarbeitende wie Unternehmen gute Wege zu ebnen.

 

Autoren
Dr. Rudolf Karazman, Mag. Josef Ruhaltinger

 

Ständig erreichbar?!

Was bedeutet das für Mensch und Produktivität
Verschiedene Aufgaben jederzeit flexibel erledigen zu können und das möglichst mobil, sind die neuen Herausforderungen unserer Zeit. Ermöglicht wird diese Form des Arbeitens durch Informations- und Kommunikationstechnologien, die auch zunehmend unseren Arbeitsalltag beeinflussen.

In diesem Zusammenhang wird verstärkt die ständige Erreichbarkeit von MitarbeiterInnen und auch Führungskräften außerhalb der eigentlichen Arbeitszeit durch neue technische Geräte wie Smartphones diskutiert. Die Problematik liegt dabei aber nicht nur bei den technischen Möglichkeiten, sondern auch in der zunehmenden Arbeitsverdichtung und der grundlegenden Beschleunigung und Flexibilisierung des Arbeitslebens.

Die heutige Erreichbarkeit reicht von Anrufen auf dem Mobiltelefon, die den größten Anteil ausmachen, gefolgt von Emails und SMS. Diese Entwicklung ist aus Unternehmenssicht eine Chance, jedoch gibt es bereits erste Hinweise auf negative gesundheitliche Auswirkungen. MitarbeiterInnen geben immer öfter an, unter der Informationsflut und der ständigen Erreichbarkeit zu leiden und sehen dies als eine häufige Ursache für berufsbedingten Stress.

In Studien zeigt sich ein direkter Zusammenhang zwischen ständiger Erreichbarkeit und psychischen Belastungen wie z.B. Depression oder Burnout. Die Antwortfristen, vor allem unternehmensintern werden immer kürzer, ein zeitnahes Reagieren auf Anfragen (z.B. während Meetings, nach Feierabend) wird zur Gewohnheit und oft erwartet – die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmt und führt zur „Entgrenzung“.

Multifaktorielle Belastungsstruktur
Grundsätzlich ist von einer multifaktoriellen Belastungsstruktur auszugehen, in deren Rahmen Erreichbarkeit eine wichtige Rolle spielt. In der Analyse ist es nicht immer leicht ständige Erreichbarkeit klar von anderen potenziellen Belastungen abzugrenzen.

Als Vorteile dieser Flexibilisierung der Arbeit geben die MitarbeiterInnen freie Arbeitszeiteinteilung, Erweiterung des Handlungsspielraumes, ortsunabhängiges Arbeiten wie auch Identitäts- und Statusgewinn an. Doch zugleich „verlocken“ diese Möglichkeiten auch dazu, während der Freizeit einen Blick auf Arbeitsdokumente oder Emails zu werfen. Die „Entgrenzung“ beginnt. Multitasking und Dauerverfügbarkeit führen erwiesenermaßen langfristig zu Leistungseinbußen, Steigerung der Fehleranfälligkeit, Konzentrationsstörungen und der Beeinträchtigung des Kurzzeitgedächtnisses. Es fördert zudem den Unruhezustand durch die Erwartung jederzeit kontaktiert werden zu können.

Handlungsbedarf für Unternehmen
Unternehmer sind gefordert hier die Balance zwischen Eindämmung möglicher gesundheitlicher Folgen und der beschriebenen positiven Potenziale flexibler Arbeitsmodelle zu halten. Dadurch ist langfristig Produktivität und Kreativität der MitarbeiterInnen gesichert. Es gibt dafür keine einheitlichen und allgemeingültigen Lösungsstrategien. Auf Unternehmensebene sind transparente Regeln für Zeiten der Erreichbarkeit und Klarheit bezüglich Erwartungen an die MitarbeiterInnen sinnvoll. Wichtig ist zu vermitteln, dass nicht alle Kommunikationskanäle immer online sein müssen oder das Einrichten von „Besuchs-“ bzw. „Offline-Zeiten“ und Vereinbarung von Reaktionszeiten innerhalb derer reagiert werden muss.

Führungskraft als Vorbild
Eine Variante wäre, dass nach Feierabend keine Emails mehr vom Server an die Dienstgeräte weitergeleitet werden oder die Abgabe des Firmenhandys und -laptops im Urlaub oder, dass Emails während dem Urlaub automatisch gelöscht werden mit dem Hinweis, dass die/der MitarbeiterIn auf Urlaub ist und die Nachricht zu einem späteren Zeitpunkt nochmals geschickt werden soll. Auch bewährt sich die Einführung einer stillen Stunde pro Woche für kreative und strategische Arbeiten oder interne emailfreie Tage, um das persönliche Gespräch wieder mehr in den Vordergrund zu rücken und dem digitalen Kontakt vorzuziehen oder auch das Ausschalten der Email-Pushfunktion und damit gezielte Email-Zeiten implementieren, um konzentriertes und fokussiertes Arbeiten zu ermöglichen.

All das sind Best Practice Beispiele mit dem Ziel, ständige Erreichbarkeit zu thematisieren und in der Unternehmenskultur zu verankern. Ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Arbeit und Freizeit, die viel beschriebene „Work-Life-Balance“, ist Grundlage für persönliches Wohlbefinden. Die Einhaltung von Pausen und Ruhezeiten gilt es in der heutigen, besonders durch stressbedingte Belastungen gekennzeichneten Arbeitswelt, wieder ins Bewusstsein zu rufen. Es zeigt sich, dass das Verhältnis von Belastung und Erholung und auch die persönliche Erholungsfähigkeit von entscheidender Bedeutung sind, sowohl für Gesundheit und Wohlbefinden als auch für Produktivität und die Häufigkeit von Unfällen.

Autorin
Regina Nicham